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150 Jahre Gründung des Stadtverschönerungsvereins Bruneck

Im Jahr 1870 wurde in Bruneck ein Verein aus der Taufe gehoben, der sich die Verschönerung der Stadt als Ziel setzte und sowohl für Einheimische als auch „Fremde“, die in dieser Zeit zunehmend in das Pustertal reisten, attraktive Möglichkeiten für Spaziergänge, Wanderungen und Einkehr schaffen wollte. Eine der treibenden Kräfte hinter dem Vorhaben war der Brunecker Buchdrucker und Zeitungsherausgeber Johann Georg Mahl (1823–1901). Er begann 1870 mit dem Schreiben von „Vereins-Notizen“, die heute noch erhalten sind. Die Handschrift umfasst die Jahre 1870 bis 1882 und bietet einen detaillierten Einblick in die Arbeit des Brunecker Stadtverschönerungsvereins. Mahl selbst war von Anfang an als Obmann tätig, es gab einen Ausschuss, der sich regelmäßig traf, sowie einen Kassier. Die Statuten des Vereins erschienen schon früh im Druck und 1874 wurde die Gründung „offiziell“ in einem Akt der Statthalterei für Tirol und Vorarlberg in Innsbruck aufgenommen.

Mehrbild-Ansicht von Bruneck, dargestellt ist auch die „Pusterthaler Volkstracht“. Besonders hingewiesen wird auf die „prachtvolle Sommerfrische mit schönen Spaziergängen“. Kunstanstalt Karl Schwidernoch, Wien, um 1895. Stadtarchiv Bruneck, Sammlung Weissteiner.

Der Stadtverschönerungsverein setzte sich in erster Linie für die Erschließung neuer Grünflächen im Umland der Stadt Bruneck als Ausflugsziele für die bürgerliche Schicht ein. Er kümmerte sich um das Anlegen und Ausschildern von Wegen, das Aufstellen von Bänken, Tischen und Pavillons, das Errichten von Trockenmauern, die Einfassung von Quellen und die Aufforstung von Waldflächen. Primär ging es also nicht um die Förderung des Fremdenverkehrs, sondern um die Schaffung von Erholungsraum für die Stadtbewohnerinnen und –bewohner  von Bruneck. Mahl fasste in seinen „Vereins-Notizen“ das Ziel der Bemühungen zusammen: „Zur Ehre, zum Wohle und zur Annehmlichkeit der Bewohner Brunecks“. Damit stand der Brunecker Verein ganz in der Tradition von Verschönerungsvereinen im gesamten deutschsprachigen Raum und in Italien, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in großer Zahl gegründet wurden.

Die Eröffnung der Eisenbahnlinie durch das Pustertal im Jahr 1871 führte dazu, dass zunehmend Touristinnen und Touristen ihre Sommerfrische in Bruneck und in der Umgebung der Stadt verbrachten. Es ist wohl kein Zufall, dass die Gründung des Stadtverschönerungsvereins ziemlich genau mit diesem Datum zusammenfällt. Die Infrastruktur der Stadt veränderte sich ebenso wie das kulturelle Angebot: Neben den bereits bestehenden Gasthäusern wie der „Neuen Post“ der Familie von Grebmer entstanden neue Beherbergungsbetriebe wie das Hotel Bruneck oder das Hotel zur Krone (später Ronacher, danach Bayerischer Hof), die sich auf die „Fremden“ spezialisierten. In der Stadt wurde ein vielseitiges Unterhaltungsprogramm angeboten, das aus Konzerten, Gesangsabenden und Theateraufführungen bestand. Daneben fanden in der Sommersaison Platzkonzerte und andere Aufführungen im Freien statt.

Der „Mahl-Brunnen“ an seinem ursprünglichen Ort am Eingang der Weganlagen des Kühbergl. Foto: Andreas Oberhofer, 2016. Stadtarchiv Bruneck.

Ein wichtiger Aspekt der Sommerfrische war stets auch die Badekultur. In den alten Bauernbädern in der Umgebung von Bruneck konnte nicht nur gebadet, sondern auch gegessen und getrunken werden. Dass sich die „Badln“ bei den frühen Touristinnen und Touristen großer Beliebtheit erfreuten, zeigt sich darin, dass um die Wende zum 20. Jahrhundert zahlreiche Post- und Ansichtskarten mit Motiven aus diesen Bädern versandt wurden. Die Ansichtskarten wurden unter anderem auch von der Druckerei Mahl hergestellt, deren Besitzer Johann Georg Mahl zugleich langjähriger Obmann des Verschönerungsvereins war. In seiner Druckerei in der Stadtgasse erschien 1874 erstmals ein Reise- und Wanderführer, in dem Bäder, Wirtshäuser, Jausenstationen und andere Betriebe beworben wurden. 1908 wurde dieser Reise- und Wanderführer für Bruneck und Umgebung in fünfter Auflage gedruckt; es lag ihm sogar eine Karte bei, in die Spazier- und Wanderwege eingezeichnet sind. Insofern gingen die Bestrebungen des Stadtverschönerungsvereins und der aufkeimenden Fremdenverkehrswerbung Hand in Hand. Allerdings bereiteten der Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Jahr 1914 und der Kriegseintritt Italiens 1915 dem Fremdenverkehr in Tirol und zugleich auch den Tätigkeiten der Verschönerungsvereine einen jähen Abbruch.

Der 2019 gegründete Verein „Brunopolis“ gibt aus Anlass der 150. Wiederkehr der Gründung des Brunecker Stadtverschönerungsvereins in Kooperation mit dem Stadtarchiv und dem Tourismusverein Bruneck ein Buch heraus. Darin werden 18 Orte beschrieben, die mit der Geschichte des Vereins in Verbindung stehen und zugleich Facetten der Entwicklung der Stadt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts illustrieren. Das Buch führt beispielsweise nach Waldheim im Westen und zur Lamprechtsburg im Osten, zum Moarberger Weiher im Süden und zum heutigen Hotel Post mitten im Zentrum von Bruneck. In Waldheim gab es eine beliebte Restauration und beim „Kresswasserl“ einen beliebten Bierkeller mit Terrasse. Die Lamprechtsburg war ebenfalls ein gern besuchtes Ausflugsziel mit Gastwirtschaft und Wallfahrtskapelle. Der Moarberger Weiher lud Spazierende um 1900 noch zu Bootsfahrten ein und der Gasthof zur Post war bereits früh ein mondäner Dreh- und Angelpunkt für den aufkeimenden Tourismus, dem die Anwesenheit des Kaisers Franz Josef I. im Jahr 1886 einen besonderen Glanz verlieh.

Das Buch „1870: Aufbruch ins Grün. 150 Jahre Gründung des Stadtverschönerungsvereins Bruneck“ versteht sich als Einladung zum Spazierengehen und Wandern. Auf den Spuren der Pioniere der Brunecker Stadtverschönerung führt es alle Interessierten auf historischen Wegen, die bisweilen etwas in Vergessenheit geraten sind.

Dieser Text wurde zuerst veröffentlicht in: Info Seniores, Ausgabe 25, Oktober 2020.

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Abbildung: Detail aus einem Fotoabzug auf einer „Correspondenz-Karte“. Fotografie von Hermann Mahl (?), um 1900. Archiv Mahl – dipdruck.